Die Falltür

„Anfang Oktober 2018 bin ich gestorben. Nur leider hat mein Körper davon nichts mitbekommen. Ich bin weiter bei vollem Bewusstsein.“ 

Man könnte meinen, diese ersten Zeilen trieften vor Pathos, Übertreibung in jedem Wort. Und doch ist es so gewesen.

Diese Worte waberten in meinem Kopf herum, als ich mich im Akutentzug des SSRI Escitalopram befand. Eigentlich war mein Gehirn mit sehr viel anderem beschäftigt. Vor allem gleichzeitig. Dennoch gab es da diese Vorstellung, besonders in den schlaflosen Nächten. So würde vielleicht meine Geschichte beginnen, wenn ich lange genug durchhalten würde, um sie später einmal erzählen zu können.

Und während ich sie nun tatsächlich erzähle, begleiten mich die letzten Echos dieser iatrogenen Schädigung bis heute.

2018 – Kein Wunderland erwartet mich

Im Sommer 2018 setzte ich Escitalopram mit den empfohlenen Schritten meiner Psychiaterin ab. 10 mg innerhalb von 5 Wochen auf 0. Ich wusste nichts über die Folgen. In den nächsten Wochen erlebte ich mehr Reizbarkeit. Insgesamt ging es mir aber gut.

Bis der Herbst kam, hielt eine trügerische Sicherheit Einzug. Sogar von einer Hochphase kann die Rede sein. Ganz typisch vor dem großen Knall, wie ich heute weiß.

Und der Knall kam. Am 01. Oktober schien ich mich einer Falltür zu nähern, von der ich gar nicht wusste, dass sie überhaupt existierte. Am 02. Oktober fiel ich hindurch.

Während Alice im Wunderland in den Kaninchenbau fiel und in einer Welt voller Wunderlichkeiten landete, um am Ende wohlbehalten aufzuwachen, war mir diese Gnade über Monate nicht vergönnt. Weder die Wunderlichkeiten, noch das Aufwachen. Im Zeichentrickfilm fiel Alice elegant, ihr Sturz wurde gebremst durch ihre Röcke, die sich anmutig um sie aufblähten wie ein Fallschirm.

Mein Absturz war ein freier Fall, während meine Finger vergebens versuchten, sich an irgendetwas festzukrallen. Aber da war nichts. Es war ein Griff ins Leere.

Wie konnte man so plötzlich alles im Inneren verlieren, nur den Verstand nicht? Ich hatte Glück und wusste durch Betroffenensupport schnell, was mit mir geschehen war. So geriet ich nicht in die Spirale aus Arztbesuchen, Medical Gaslighting und Polymedikation. Ich hielt mich fern von allem, was diese Lage verschlimmern konnte, denn ich hatte mich genügend informiert, um zu wissen, dass dies sehr gut möglich war. Erleichtert wurde mir dies, als ich einen anerkennenden Arzt fand, zu dem ich bis heute gehe. Er verschrieb mir die kleinstmögliche Dosis, damit ich meine Wiedereindosierung auf noch viel geringerer Dosis fortsetzen konnte. Per Wasserlösemethode, wie ich im Supportforum gelernt hatte.

Erleichterung brachte mir dies jedoch lange nicht.

Ich musste Qualen durchstehen, für die es bis heute wohl nicht die passenden Worte gibt. Ich bin eine kleine Person, hatte aber plötzlich „Höhenangst“, wenn ich aufrecht stand. Ich wurde schwer agoraphobisch, konnte kaum das Haus verlassen. Es war mir nicht mehr möglich, mich auf rationales Denken zu verlassen, denn unter freiem Himmel fühlte es sich, jeder Logik zum Trotz, so an, als würden Himmel und Erde sich jederzeit umkehren können, und ich würde hineinstürzen in die Unendlichkeit.

Ich bekam Akathisie. Und auch wenn ich vermute, dass sie bei mir nicht voll ausgeprägt war, war es doch das Quälendste, was ich je erlebt habe. Ich litt unter einem gewissen Bewegungsdrang, aß teilweise meine Mahlzeiten im Stehen, während ich von einem Fuß auf den anderen wippte. Gleichzeitig war ich wie gelähmt vor Terror. Viel Zeit habe ich im Bett verbracht, zum einen wegen der starken Erschöpfung, die ich ständig spürte, zum anderen aber, weil ich diesen Schutz am meisten brauchte. Ein Versteck. Wie ein Nagetier, das sich panisch in seinem Bau verkriecht. Ich war starr und ich konnte mich kaum je zwingen, dies zu durchbrechen. Es war keine Frage des Willens. Der Alarm in meinem Nervensystem war so stark, dass er durch nichts gestoppt werden konnte.

Oft versuchte ich, ein Bad zu nehmen. Die Wärme soll manchmal lindernd wirken bei Akathisie. Mir half es jedoch nicht. Ich starrte auf die Badekamille, oder auch den Lavendel, der frei auf der Wasseroberfläche trieb, und wand mich, wünschte, meinem Körper entfliehen zu können.

Ich konnte kaum mehr essen, nahm in wenigen Wochen 10 Kilo ab. Ich verlor meinen Schlaf für zwei Wochen am Stück. Häufig bekommen wir zu hören „Der Körper holt sich schon seinen Schlaf“. Aber ich kann versichern, dass das bei chemischen Verletzungen des Gehirns oftmals nicht zutrifft. Der Schlaf wurde komplett ausgehebelt, alles in mir war aktiv und wachsam. Schon wenn die Augen nur für eine Sekunde zufielen, schreckte ich wieder auf. Ich habe zwei Wochen kein Bisschen geschlafen. Mein Mann war ins Nebenzimmer ausquartiert worden, denn ich wälzte, drehte, wendete mich in alle möglichen Positionen.

Ich war massiv derealisiert, es spottet wirklich jeder Beschreibung. Alles nahm ich wahr wie einen undeutlichen Albtraum. Bei den seltenen, kurzen Spaziergängen, die ich besonders zu Beginn noch versuchte, sah ich mich um und schüttelte den Kopf. Warum war alles falsch? Warum gab es so etwas überhaupt? Es war, als wäre ich in einem Glaskasten eingezwängt und konnte alles nur durch sehr, sehr dicke Glaswände sehen. Ich wollte nichts lieber, als in die echte Welt zurückzukehren, aber sie existierte für mich nicht mehr. Nichts war klar, mir bot sich über Nacht das Ambiente eines Horrorfilms.

Fetzen von Liedern schossen durch meine Gedanken, setzten sich fest, wiederholten sich auf robotische, bedrohliche Weise, endlos.

Mein Körper fühlte sich dauerhaft roh und wund an. Keine extremen Schmerzen, aber als trüge er die verblassenden Wunden von Schlägen mit sich.

Ich hatte immer irgendeine Form von Kopfschmerzen, mein Schädel schien oft mit eisernem Griff gequetscht zu werden. Das Gefühl, als würde Säure auf meinem Gehirn brennen, war ständig präsent.

Keine Experimente mehr

Einiges davon besserte sich bis zur Vorweihnachtszeit dann kaum wahrnehmbar, aber ich machte den Fehler, aus Verzweiflung minimal aufzudosieren, von 0,5 mg auf 0,6 mg. Dies verschlimmerte alles wieder. Ich musste erbrechen, der Schlaf wurde wieder schlechter und ich bekam suizidale Zwangsgedanken, konnte nicht mehr alleine bleiben.

Ich erinnere mich an einen meiner Versuche, in der Wanne Linderung zu erfahren. Es war mittlerweile Dezember und ich bereute die Aufdosierung zutiefst. Zwar war ich auf die Dosis von 0,5 mg zurückgekehrt, aber die Folgen musste ich für eine Weile tragen.

Ich lag in der Wanne und mein Körper zappelte und zuckte. Ich hatte das Gefühl, zu verschwinden, mich aufzulösen. Mein Bewusstsein schien spürbar in meinem Körper zusammenzuschrumpfen und ich hatte Angst, es nie mehr wiederzufinden. Weinend summte ich die Melodie von Jingle Bells. Irgendetwas musste mich ja im Hier und Jetzt halten…

Ich habe, bis zur Stabilität, nichts mehr an der Dosis geändert, und außer dem vielfach empfohlenen Magnesium und Omega 3 nichts mehr zusätzlich eingenommen.

Das große Glück bedingungsloser Liebe

Mein Mann, meine Mutter, meine Schwester, Großmutter, mein Onkel und einige Freunde organisierten sich zum Glück so, dass ich tatsächlich nicht mehr alleine sein musste. Ich wüsste nicht, wo ich heute ohne sie wäre, denn in diesem Zustand wäre es ein enormes Risiko gewesen, eine Klinik aufzusuchen. Dort, wo diese Zustände nicht verstanden werden, sondern zu vielfältigen Fehldiagnosen führen, ist die Gefahr nicht unerheblich, dass weitere psychiatrische Substanzen verabreicht werden, die in schönster Regelmäßigkeit den iatrogenen Schaden vergrößern, insbesondere die unaushaltbare Akathisie, die für Betroffene das Suizidrisiko schnell von 0 auf 100 schießen lässt.

Diese Abwärtsspirale blieb mir erspart, da mein Umfeld auf mich aufpasste. Dafür werde ich immer dankbar sein. Mir ist mehr als bewusst, dass es für sehr viele Menschen anders endet.

Wie oft habe ich Menschen angerufen, die es zwar nicht verstehen konnten, aber dennoch für mich da waren. Manchmal waren das wirklich lange Telefonate.

Wie sehr zeigte sich ihre bedingungslose Liebe, als sie sich damit konfrontiert sahen, dass ich simultan Todesängste litt und dennoch nur sterben wollte. Der einzige Fluchtweg, der blieb. Keine Mutter, keine Schwester, kein Ehemann kann so etwas leicht tragen. Dabei außerdem noch Zuversicht vermitteln, obwohl es in ihrem Inneren anders aussah. Zutiefst besorgt und auf eine ganz spezielle Art gequält. So etwas will niemand sehen. Die Person, die man kannte, löste sich scheinbar auf. Aber sie taten es für mich. Und sie respektierten meine Entscheidungen, hielten mich nicht für verrückt.

Dennoch hieß es damals für mich „Aushalten!“

„Wir sind da, wir begleiten dich, wir werden dich nicht in eine Klinik bringen“, versicherte mein Mann mir, „aber du MUSST aushalten. Das können wir dir nicht abnehmen.“

Aushalten bis zur Besserung

„Ich weiß nicht wie, ich weiß nicht wie“, flehte ich. Denn wie soll man es aushalten, jede Sekunde, Minute, Stunde von innen gefoltert zu werden? Der eigene Körper ist nicht länger das ureigenste Zuhause, das auch schlechten Zeiten standhalten kann, er wird die Zelle, die Folterkammer, in der man auf ungewisse Zeit eingesperrt ist und alles erdulden muss, was auf das instabile Nervensystem abgefeuert wird.

Wir Betroffenen wissen wohl alle nicht wie. Manche schaffen es nicht. Die Qual ist zu groß. Aber viele, die vor uns kamen, haben es schon geschafft, sind durch die Hölle gegangen und unversehrt wieder aufgetaucht. Und dieses ferne Versprechen, die Versicherung, dass das Leben wieder lebbar werden würde, das ließ mich irgendwie weitermachen. Nicht ruhig, nicht elegant, nicht würdevoll. Sondern abgrundtief verzweifelt, mich oft nach dem Tod sehnend, der mir doch gleichzeitig so viel Angst machte. Ich wollte doch leben. Wieso musste es sich tagtäglich so anfühlen, als würde ich tausend Tode sterben?

Ich war durch die vermaledeite Falltür gefallen, die so unsichtbar im Verborgenen liegt. Man ahnt nicht, dass nur ein falscher Schritt genügt und das, was das normale Leben (inklusive all seinen Aufs und Abs) von der Hölle trennt, löst sich auf, gibt nach und schickt uns auf einen Höllentrip.

Da half alles Flehen, Bitten, Weinen nicht. Dieser Heilungsprozess folgt seinen eigenen Regeln und diese sind nicht gut erforscht. Neuroplastizität ist eine erstaunliche Fähigkeit unseres Körpers. Wir sind in der Lage, uns großen Schäden anzupassen, sie abzufangen. Aber es braucht Zeit. Mehr Zeit, als mir lieb war. Mehr Zeit, als irgendjemand in solchen Zuständen verbringen müssen sollte.

Acht Monate und zehn Tage musste ich warten. Während ich spürte, dass sich zumindest irgendetwas tat, reichte es lange Zeit immer noch nicht aus. Es war wie Tropfen auf den heißen Stein. Minimalste Veränderungen, die ich am ehesten rückblickend erkannte. Ich verbrachte mehr Zeit mit meiner Großmutter. Wir spielten z. B. Kniffel. Es war für mich keine Freude, die gab es nicht mehr. Und dies war so offensichtlich, dass selbst meine Oma einmal sagte, ich müsse nicht für sie lächeln. Sie konnte sehen, dass es meine Augen nicht erreichte. Jegliche kleine Aktivität, die ich mir in den schlimmen Monaten wieder angeeignet hatte, diente lediglich dazu, die Zeit vergehen zu lassen. Noch immer gab es keine Ruhe, keine Freude, keine Entspannung. Nur Verzweiflung und Dunkelheit.

Nach acht Monaten und zehn Tagen jedoch, da lüftete sich dieser Schleier und ich konnte wieder spüren, wie es sein sollte, wie es ohne diese groteske Verzerrung der Realität war.

Es war der 10. Juni 2019 und es war bereits warm und schwül draußen. Es hatte gewittert und ich konnte dies zum ersten Mal wieder wahrnehmen. Die feuchte Luft, das Zwitschern der Vögel, das durch die geöffnete Balkontür hereindrang. Danach ging es recht zügig. Innerhalb weniger Tage nahm ich wieder mehr am Leben Teil. Auch der ein oder andere Mittagsschlaf war wieder möglich. Ich fand, mein Körper hatte sich das auch sehr verdient. Er war müde von der pausenlosen Tortur.

So wie ich in der Akutzeit die Normalität nicht mehr nachvollziehen konnte, so kam es ganz natürlich, dass ich die Symptome nicht mehr auf dieselbe Weise nachempfinden und begreifen konnte.

Ich gab mir noch etwas Zeit, um diese Stabilität weiter auszubauen. Ich konnte wieder so etwas wie Frieden empfinden. Ich war nicht völlig symptomfrei, aber alles war machbar, jetzt, wo ich in meiner Gesamtheit nicht mehr auf Alarmmodus geschaltet war. Das versuchte ich zu genießen. Aber ich wusste auch, fertig war ich mit der ganzen Sache noch nicht.

Da war ich nun, hielt meine 0,5 mg-Dosis, auf die ich nach der brenzligen Dosiserhöhung zurückgegangen war und fühlte mich desorientiert. Ich beschloss, noch bis ins neue Jahr zu warten, bevor ich mich ans Ausschleichen machte.

Die Ausschleichjahre

2020 begann ich. Es kam für mich nicht infrage, diesen Rest der Substanz weiter zu nehmen. Er diente ohnehin nur als Krücke, um die Entzugssymptome abzufangen, was bei mir nicht sonderlich gut gelungen war. Wobei ich mir vorstellen könnte, dass es ohne vielleicht noch länger akut gewesen wäre. Acht Monate (und zehn Tage) sind keine lange Zeit, wenn man die Maßstäbe des Entzugssyndroms anlegt.

Aber vorsichtig musste ich vorgehen. So machte ich wirklich kleine Schritte. Sie müssen geradezu lächerlich wirken für Außenstehende, aber Psychopharmaka sind auch in kleinen Mengen äußerst potent und belegen überproportional viele Neurotransmitterrezeptoren.

Ich machte Schritte von 0,02 mg, etwa alle fünf Wochen. Es war nicht immer leicht, manchmal sogar alles andere als das. Akut wurde es jedoch nicht mehr, was für mich ein ganz entscheidender Unterschied ist. Ich blieb großteils stabil, die Welt war nicht verzerrt und falsch, egal, wie herausfordernd das Ausschleichen manchmal wurde.

Am 31. Dezember 2023 nahm ich, ganz symbolträchtig, meine letzte Dosis von 0,02 mg. Ich war siegessicher. Ich hatte es geschafft.

2024 – Zu früh gefreut

Nur drei Tage später ging es wieder los. Nein! Nein, nein, nein! Das konnte nicht sein. Ich hatte so sehr aufgepasst. Ich war überzeugt, es könne jetzt einfach nicht lange dauern. Sicher war es nur ein kurzer Schluckauf, ein Zeichen meines Gehirns, das sich jetzt den letzten Rest ohne „chemische Krücke“ anpassen musste.

Es sollte anders kommen. Das Nervensystem merkt sich solche schweren Schädigungen, bleibt lange verletzlich. Es begann von vorn. Nicht in der gleichen Intensität wie 2018, was jedoch wenig tröstlich war. Ich hatte geglaubt, ich war der Falltür längst entkommen. Und erst jetzt, da ich wieder hinabgestürzt war, wurde mir bewusst, wie viel ich schon vergessen hatte von den schlimmsten Zuständen. Natürlich, erinnern, wie es war, konnte ich mich immer. Aber das Nachfühlen, das verblasste über die vier Jahre, die ich meine Ausschleichjahre nenne.

Nun kam es mit voller Wucht zurück. Nicht nur das Erinnern, auch das Fühlen. Nicht nur musste ich die Symptome erneut tragen, sondern auch die Erinnerungen an das erste Mal. Wenn man erstmal wieder in jenem Zustand ist, so vollkommen ohne Ruhe, in ständiger Alarmbereitschaft, öffnen sich auch jene Wunden wieder, von denen man glaubte, sie seien ganz gut verheilt.

Ich glaubte, keine Kraft mehr zu haben, es nicht noch einmal durchstehen zu können. Nicht wieder! Bitte! Bilder, Geräusche, Gerüche, Momentaufnahmen kamen zu mir zurück. Es war eine bizarre Doppelbelastung. Aktuelle Akutsituation und traumatische Erinnerung gleichzeitig.

Die Badewanne? Ich machte einen Bogen um sie, so oft ich konnte. Denn obwohl wir 2019 umgezogen waren, machte es für mich keinen Unterschied, dass es nicht dieselbe Wohnung, dieselbe Wanne war. Vor meinem inneren Auge waren wieder die Bilder, endloses Verweilen im heißen Wasser, Wannenfarbton „Bahamabeige“, mein Körper, der unter Strom stand und das Ich, das ich vergeblich suchte.

Dieses Mal schienen sich die Symptome anders zu gewichten. Ich war nicht auf dieselbe Art derealisiert, dafür zerrte die innere Akathisie entsetzlich an mir. An vielen Tagen wand ich mich auf der Couch oder auf dem Boden, sicher, dass ich es diesmal nicht überleben könnte, dass ich aus meinem Körper ausbrechen musste.

Auch gab es die Möglichkeit für eine Betreuung rund um die Uhr nicht mehr. Der anerkennende Arzt begleitete mich zwar durch diese Zeit, aber tun konnte auch er nichts.

Ich war oft allein, fand keine Ablenkung, denn all das Alltägliche, das ist in solchen Zuständen nicht möglich. Nicht lesen, kein TV, nichts. In einer Folterkammer sucht man nicht nach Ablenkung, man versucht, zu überleben.

Manchmal war es wohl bloße Sturheit, denn Hoffnung konnte ich nicht fühlen. Ich wusste, rein rational, dass ich es schon einmal geschafft hatte. Aber das Gehirn ist kaum mehr in der Lage, sich an solchem Wissen festzuhalten. Es ist eine Fehlfunktion. Sehr glaubhaft wird uns weisgemacht, dass es gar keine Hoffnung gibt und dass es nie wieder gut werden kann.

Ja, das dachte ich sogar, obwohl ich diesen Verlauf schon kannte. Wider besseres Wissen war die Lüge, die das Entzugssyndrom erzählt, stärker.

Aber wieder zeigten sich sehr kleine Entwicklungen in die richtige Richtung. Zu wenig, um aufzuatmen. Aber vielleicht gerade eben genug, um weiterzumachen.

Frei von Psychopharmaka

Ende Mai 2024 spürte ich dann, dass es soweit war. Es ging mir besser. Es fühlte sich nicht genauso an wie 2019, sondern irgendwie zaghafter, aber nicht schlechter. Zum ersten Mal konnte ich die Wertschätzung für das fühlen, was mein Körper da geschafft hatte. Ich war ohne SSRI. Ich war nicht länger abhängig von einem Mittel, das mir schadete. Kein Zubereiten der kleinen Dosis per Wasserlösemethode mehr. Keine Angst mehr, die Einnahme zu vergessen. Ich darf wieder ich werden, was mir, zugegeben, auch heute noch schwer fällt. Neuorientierung ist nicht leicht, wenn man nicht klar erkennen kann, ob oder wie sehr man noch von Entzugsausläufern beeinflusst wird. Ein Stückchen Weg habe ich wohl noch vor mir. Aber wieder bin ich erleichtert, aus dem Akutentzug heraus zu sein.

Ich hoffe sehr, nie wieder durch diese Falltür krachen zu müssen. Das Land der Iatrogenese ist kein Wunderland und ich möchte es nie wieder sehen.

Ein wertvoller Unterschied

Im Jahr 2024 war vor allem eines anders: Ich knüpfte Kontakte zu anderen Betroffenen, die über das Schreiben in Supportforen hinausgingen. Und das ist mir bis heute sehr wertvoll. Menschen, die es wirklich verstehen. Menschen, die wissen, dass es für diese abstrusen Symptome ein eigenes, neues Vokabular bräuchte, das nicht aus dem Diagnosewortschatz der Behandler stammt.

Wir alle verdienen es, gesehen und gehört zu werden. Auch jene, die nicht mehr unter uns sind, verdienen es, dass die Wahrheit über iatrogene Schäden anerkannt wird.

Mad in Deutschland veröffentlicht Blogbeiträge einer vielfältigen Gruppe von Autor:innen. Diese Beiträge sollen zur Diskussion über Psychiatrie und ihre Behandlungsmethoden in Deutschland anregen. Die geäußerten Meinungen sind die der Autor:innen.
Anonym
Anonym
Mad in Deutschland möchte die Erfahrungen von Betroffenen in den Mittelpunkt stellen. Es gibt verschiedene Gründe, warum Menschen, die Erfahrung mit dem psychiatrischen System gemacht haben, Beiträge anonym veröffentlichen möchten. Mad in Deutschland ermöglicht es diesen Menschen zum Schutz ihrer Person, diese Erfahrungen selbstbestimmt anonym veröffentlichen zu können, ohne Angst vor Konsequenzen wie Verleumdung oder Stigmatisierung haben zu müssen.

Ähnliche Artikel

Teilen